Saatgut selbst gemacht

 
Jahrtausendelang hat die Vielfalt der Pflanzen die Ernährung der Menschen gesichert. Über viele Generationen wurden die Saaten von Kulturpflanzen weiter gegeben. Doch heute ist diese Vielfalt mehr und mehr in Gefahr. Der massive Anbau von Hochleistungs-, Hybrid- und gentechnisch veränderten Sorten führte seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts dazu, dass 70 Prozent der Kulturpflanzenvielfalt verschwunden sind. So kennt zum Beispiel die industrielle Landwirtschaft weltweit nur noch ganz wenige „rentable“ Getreidesorten, die auf den Feldern nur mit massivem Aufwand an Energie, Kunstdünger und Pestiziden gedeihen. Diese Entwicklung geht weiter, nicht zuletzt deshalb, weil Selektion und Züchtung von Saatgut zunehmend in den Händen weniger multinationaler Konzerne liegen, die in erster Linie profitorientierter Logik folgen. Auch auf der gesetzlichen Ebene findet dies seinen Niederschlag, aktuell durch einen Gesetzesentwurf in der Europäischen Union: Saatgut aus eigener Ernte soll nicht mehr verkauft, getauscht oder verschenkt werden können.
Diese Entwicklungen gefährden nicht nur die Existenz von Kleinbäuerinnen und -bauern, sie bedrohen letztlich die Ernährungssicherheit aller Menschen. Denn die Verfügbarkeit einer grossen genetischen Vielfalt innerhalb der Kulturpflanzen ist eine unumgängliche Voraussetzung für die Anpassung der Pflanzen an veränderte Umwelt- und Klimabedingungen.
Mit dem weltweiten Verschwinden der Kleinbäuerninnen und -bauern geht auch ein Grossteil des von Generation zu Generation weiter gegebenen Wissens rund um Saatgut von Kulturpflanzen verloren. Auch viele der im 19. Jahrhundert entstandenen kleinen Saatgutunternehmen mussten schliessen oder sind von den grossen Saatgutkonzernen aufgekauft worden. Während früher der Umgang mit Saatgut eine weit verbreitete Praxis war, hat er sich heute zu einem professionellen Spezialbereich entwickelt, der durch Berufsgeheimnisse und Patente geschützt ist.


Gründe für einen Lehrfilm


Saatgut ist Gemeingut wie Wasser, Luft und Erde – und muss es auch bleiben. In Europa gibt es mehrere Vereine, die sich für den Erhalt der Sortenvielfalt und ihren Vertrieb einsetzen. Sie vermitteln heute schon Wissen über die Saatgutproduktion in Form von Ausbildungskursen, Büchern und Dokumenten. In den letzten Jahren stösst der Gartenbau bei vielen Menschen auf vermehrtes Interesse. Die Gründe dafür liegen im gewachsenen Misstrauen gegenüber den industriell erzeugten Nahrungsmitteln und in der durch Wirtschaftskrisen bedingten Armut vieler Menschen. In und um die Städte entstehen Familien- oder Kollektivgärten, die auch ein Zeichen der Suche vieler nach sozialem Rückhalt sind.
Die Lehrfilme „Saatgut ist Gemeingut – Anleitung für Samengärtnerei“ soll Saatgutinitiativen weltweit unterstützen. Botanische Grundkenntnisse sind Voraussetzung für Saatgutvermehrung. Der Film wird ein Verständnis für die Entwicklung der Pflanzen, vom Samen wieder bis zum Samen, für die Blütenbiologie der verschiedenen Pflanzenfamilien und ihre Befruchtung vermitteln. Die vielfältigen Handgriffe und Methoden werden aufgezeigt, die beim Anbau, Ernten, Sortieren und Lagern von Saatgut angewendet werden. Eine filmische Umsetzung des Wissens rund um Saatgut erleichtert den Zugang zum Thema für Laien und ist gerade auch in den Ländern von grossem Vorteil, in denen Fachliteratur kaum verbreitet ist.